Operation: verlieren lernen

Du bist ein guter Zocker? Das freut mich. Solange du nicht besser bist als ich.

Wenn der Bauer nicht schwimmen kann, ist auch die Badehose schuld„. Diese Worte wandern meinem Bruder häufig über die Lippen, wenn er nach einer Zockersession mit mir die Konsole ausschaltet. Warum das so ist? Jedes Mal, wenn ich ein Duell gegen ihn verloren habe – oder gerade dabei bin, es zu verlieren – spielt sich zuhause ein richtiges Drama ab. Dann fluche ich und poltere herum wie ein tollwütiges Rumpelstilzchen. Hinter jeder Niederlage wittere ich einen Akt der Sabotage, eine Ungerechtigkeit und vorsätzliche Benachteiligung. So ziemlich jeder irdische und kosmische Einfluss ist Schuld an meiner Misere, denn an meinem Unvermögen allein kann es schließlich nicht liegen.

Nach Niederlagen gegen meinen Bruder landet der Controller schon mal im Mülleimer.

Wenn ich mit Kindern zocke, bekomme ich diese Tobsuchtsanfälle nicht. Erstens würde ich dadurch riskieren, den letzten Rest meiner ohnehin geringen Autorität zu verlieren. Darum heißt’s: Zusammenreißen. Zweitens sind Kinder sehr angenehme Gegner. Egal, wie schlecht ich bei Mario Kart und Co. auch abschneide: Sie sind noch um eine ganze Ecke schlechter. Und drittens hat mich noch nie ein Kind so verarscht wie mein Bruder Stefan. Sei es durch den demonstrativen Torjubel, den er bei jedem Treffer veranstaltet, durch sein süffisantes Dauergrinsen oder provozierende Bemerkungen wie „Dein Tormann war heut‘ auch der beste Mann am Feld“ – Stefan gelingt es problemlos, mir die Zornesröte ins Gesicht zu treiben. Das sind die Gründe dafür, dass ich mich auf der Konsole lieber mit meinem achtjährigen Stiefneffen duelliere als mit meinem Bruder.

Ok, ich weiß, dass ihr jetzt verständnislos den Kopf schüttelt. Ich weiß auch, was ihr mir sagen würdet, wenn ihr mein Weißglut-Ich erleben könntet: „Es geht ja um nix … blabla … du bist doch keine fünf mehr … blabla … ein Videospiel kann dich nicht hassen … blabla.“ Und ja, ihr habt alle Recht. Vielleicht bin ich ein vom Ehrgeiz zerfressener Gelegenheitszocker. Vielleicht bin ich beim Spielen auch ein wenig paranoid und leicht in Rage zu bringen. Das alles streite ich gar nicht ab. Mir ist bewusst, dass ich ein schlechter Verlierer bin, und ich nehme mir schon seit Jahren vor, das zu ändern. Vergeblich. Spätestens nach ein paar Schlappen in Folge reißt mir unwillkürlich der Geduldsfaden. Eines muss ich aber zu meiner Verteidigung sagen: Ich bin jemand, der beim Spielen wirklich vom Pech verfolgt wird.

Ein schnelles Tor sowie ein unverdienter Doppelschlag zerstören häufig schon früh im Spiel meine Hoffnungen auf den Sieg.

Bei FIFA12-Matches bekomme ich meistens genau vor Ende der ersten oder zweiten Hälfte jenes verdammte Gegentor, das mir das Genick bricht. Wenn ich klar in Führung liege, schafft es mein Bruder regelmäßig, dank eines unverdienten Doppelpacks binnen zwei Minuten das Spiel zu drehen. Und wenn es ihm mit spielerischen Mitteln nicht gelingt, mich in die Knie zu zwingen, dann kann er sich überdurchschnittlich oft auf den Faktor Glück verlassen. Ein unfassbar dämlicher Torwartfehler, ein Handelfmeter, ein versprungener Ball, der sich im Strafraum genau vor die Füße seines frei stehenden Stürmers verirrt – alles gesehen, alles erlebt. Oft entscheiden solche Aktionen, auf die man selbst keinerlei Einfluss hat, über den Ausgang der Partie. Und meistens – ja, lacht nur – zu meinen Ungunsten. Bei Mario Kart verhält es sich ähnlich. Oft werde ich kurz vorm Ziel von einem Verfolgungspanzer abgeschossen, überfahren oder in die Lava gestoßen. Meinem Bruder passiert das auch – mit dem Unterschied, dass er Erster wird und ich Achter oder Neunter. Komisch, oder?

Mittlerweile bin ich zur Überzeugung gelangt, dass ich das Opfer einer riesigen Verschwörung bin, an der EA Games ebenso beteiligt ist wie Nintendo. Angefangen vom Produzenten über den Programmierer bis hin zum Publisher stecken sie alle unter einer Decke. Sie wollen, dass ich verliere, verzweifle, weine. In den Tausenden von Skriptzeichen, aus denen jedes ihrer Spiele besteht, ist garantiert die folgende Befehlszeile versteckt: {if_player=“Mario“; then_result=“k.o.“}. Ich weiß das. Nur beweisen kann ich es nicht. Noch nicht. Aber ich finde einen Weg. Mit Sicherheit. Und wenn es das Letzte ist, was ich tue!

Euer

PS: An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal bei meinem Bruder entschuldigen, der beim Spielen mit mir echt viel mitmacht.

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