Operation: FKK

Ich bin so ein Typ, der vor dem Duschen das Bad abschließt. Sonst könnte es sein, dass jemand reinkommt, mich nackt sieht und mir was wegschaut. Gegen dieses Schamgefühl gibt es nur eine wirkungsvolle Therapie: eine Woche FKK-Urlaub.

Freitag, 3. August. Es ist Vormittag und ich stehe vor meinem Kleiderschrank. Langsam lasse ich meinen Blick über all die Klamotten schweifen, die sich darin befinden. In meinem Kopf singt Conny Froboess ihren Hit „Pack die Badehose ein„. „Diesmal nicht“, denke ich mir grinsend. Dort, wo ich hinfahre, sind Textilien unerwünscht.

Tag 1: „You can leave your hat on“

Der erste Sonnenuntergang: Kitsch pur

Es ist Samstag, 8:30 Uhr. Wir sitzen im Auto und ich stelle Mutmaßungen darüber an, was mich im Urlaub wohl erwarten wird. Vor meinem inneren Auge erscheint ein Ort, an dem Menschen mit ledriger Haut, Hängebrüsten, Bierbäuchen und faltigen Hintern tagelang regungslos am Strand braten; quasi ein Mekka für ostdeutsche Sonnenanbeter, unter denen ein unästhetischer Leib wie der meine nicht weiter auffällt. Es ist kein besonders positiver Gedanke, den ich hege. Aber da wir stundenlang im Stau stecken, habe ich leider nichts Besseres zu tun, als ihn zu vertiefen.

Erst gegen 16:00 Uhr erreichen wir unser Ziel: das FKK-Camp Valalta in der Nähe von Rovinj. Keine zehn Meter nach der Einfahrt sehe ich schon einen betagten Herrn nackt durch die Gegend radeln. Links und rechts der Straße stehen Zelte und Wohnwägen, vor denen sich Adams und Evas aus vier verschiedenen Generationen tummeln. Bald werde ich einer von ihnen sein. Zwangsläufig – denn die Hausordnung verbietet strikt, außer Strohhut und Sonnenbrille irgendetwas am Leib zu tragen. Nachdem wir unser Zeug ins Apartment getragen, gibt’s keine Ausrede mehr. Ich tausche meine konservative Ausflugsadjustierung gegen des Kaisers neue Kleider und gehe runter an den Strand.

Tag 2: Bratwurst zum Frühstück

Das erste Frühstück auf der Apartment-Terrasse bleibt mir fast im Halse stecken. Der Grund: Unsere lieben Nachbarn, die wir gegenüber beim Frühstücken beobachten dürfen, versüßen das unsere mit ihrer optischen Reizlosigkeit. Es handelt sich um eine holländische Familie, die – ihrer nahtlosen Bräune nach zu urteilen – wohl schon ein paar Tage hier ist. Wie es sich für einen guten Nachbarn gehört, erhebt sich der Vater von seinem Stuhl und winkt uns freundlich zu. Sein Pendel schwingt unterstützend mit. Peinlich berührt hebe auch ich die Hand und lächle gequält. Insgeheim habe ich nur einen frommen Wunsch: Dass nicht auch noch der Opa aufsteht.

Tag 3: Nix passiert

Am dritten Tag ist bekanntlich Jesus von den Toten auferstanden. In Kroatien ist an diesem Tag jedoch nicht allzu viel passiert.

Tag 4: Kein Petri Heil am Felsenstrand

Mein Kumpel und ich liegen auf einem Felsvorsprung und lesen Zeitung, als auf dem Felsen über uns plötzlich zwei Kerle erscheinen. Einer von ihnen wendet uns den Rücken zu, während der andere das Gehänge zwischen seinen Beinen stolz zur Schau stellt. Er geht bis zum Rand des Felsens, stemmt seine Hände in die Hüfte und streckt das Becken weit nach vorne. Diese Geste wirkt ein bisschen, als wolle er sein bestes Stück wie eine Angel auswerfen. Vielleicht glaubt das Dreibein ja, dass eine hübsche Meerjungfrau auf den Köder aufmerksam wird und ihn schluckt? Ich jedoch weiß, dass das nicht passieren wird. Wenn ich nämlich die weiblichen Badegäste im näheren Umkreis betrachte, führt mich das zur folgenden Erkenntnis: Dass sein Gemächt bestenfalls die Blicke von ein paar alten Sirenen auf sich zieht. Und ob die anbeißen, ist fraglich. Mitunter wohl auch, weil einigen bereits die Zähne fehlen.

Tag 5: Ein paar freche Früchtchen

Die schönen Strände waren nicht die einzigen optischen Leckerbissen

Als ich nach einer halben Stunde in der prallen Sonne gerade ins Wasser gehen will, kommt mir das Schicksal zuvor. Drei holde Maiden, dem Aussehen nach wohl so um die 18, rennen von ihrem Campingmobil herunter an den Betonstrand. Zwar sind sie nicht ganz nackt, sondern nur oben ohne, aber selbst das scheint ihnen wahnsinnig unangenehm zu sein. Immer wieder sehen sie sich schüchtern um, in der Hoffnung, nicht entdeckt zu werden. Doch diese Hoffnung ist vergeblich. Mein Blick hat das Ziel längst erfasst. Ich setze mich auf, rücke meine verspiegelte Sonnenbrille zurecht und ziehe meinen Strohhut tief ins Gesicht. Mein Kumpel, der das Nahen der Mädels vor mir bemerkt hat, liegt schon längst in Lauerstellung.

Obwohl sie unsere Augen nicht sehen können, spüren die jungen Frauen, dass sie in unser Radar geflogen sind. Vermutlich liegt es daran, dass wir unsere Hälse beinahe synchron in die Richtung drehen, in die die Mädels sich bewegen. Sie werfen uns einen bösen Blick zu und verschränken die Arme vor der Brust. Doch wir wissen, dass uns die Gnade, ihre nackten Körper noch einmal in ihrer vollen Pracht bestaunen zu dürfen, noch einmal zuteil werden wird. Spätestens dann, wenn sie über die Leiter ins Wasser steigen müssen. Was sie glücklicherweise auch tun. Kaum sind sie im Wasser, schwimmen sie schnell wie Fische hinüber zum gegenüber liegenden Steg und entziehen sich so unseren Blicken. Nun wird es höchste Zeit, mich abzukühlen.

Tag 6: Nackt bis auf die Schwimmflügerl

Motiviert stapft sie an uns vorbei, die Uroma im Eva-Kostüm. Ihr Ziel ist klar: Sie will ins Wasser. Untergehen ist für sie jedoch keine Option, deshalb hat sie an beiden Armen einen orangen Lebensretter befestigt. Ich staune nicht schlecht. Hat sie es wirklich geschafft, diese mit der Luft aus ihren eigenen Lungen zu füllen? Wenn ja, ist das eine respektable Leistung für ihr Alter. Langsam steigt sie hinein in die gefährlichen Untiefen des Meeres. Heute ist die See besonders rau, weshalb sie darauf achten muss, nicht von den Wellen zurück an Land gespült zu werden. Doch die Dame lässt sich nicht beirren und „Platsch“ – schon treibt sie im Wasser. Mit ihren zerzausten, weißen Haaren, ihrer großen, schwarzen Sonnenbrille und ihren Schwimmflügerln bietet sie ein Bild für Götter. Mein Kumpel platzt fast vor Lachen, als er sie sieht. Und auch ich kann mich eines spontanen Schmunzelns nicht erwehren.

Tag 7: Der (leider nicht mehr) nackte Mann

Am Ende des Urlaubs bin ich fast ein wenig wehmütig. Irgendwie habe ich mich daran gewöhnt, so gänzlich ohne alles durch die Gegend zu spazieren. Doch nun steht die Rückreise am Programm. Stundenlang sitze ich genervt und in voller Montur im heißen Auto, ehe wir in Spielberg endlich die österreichische Grenze passieren. Dann spielen sie auf Radio Steiermark plötzlich das Lied vom „Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu Strandbikini„. Nun erst wird mir schmerzlich bewusst, dass ich mich ab heute nur noch in gesellschaftstauglicher Kleidung vor die Haustür wagen darf. Einen Zwang hab ich nun aber nicht mehr: Vor dem Duschen das Bad abzuschließen.

Euer

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