Operation: Wohnungssuche

Da hat man seinen ersten Job in der Tasche – und dann kann man ihn nicht antreten. Nicht etwa, weil man zu krank oder zu faul wäre, sondern weil man umziehen muss, aber am Erfüllungsort seiner Pflicht keine Wohnung findet. So ist es mir ergangen, bis mir das Glück unter die Arme griff.

Titelbild

Alle reden immer nur von den magischen drei Worten. Drei Worte, die angeblich das Leben verändern, bereichern und einem das Gefühl geben sollen, begehrt und geschätzt zu sein – „Ich liebe dich“. Wenn man so etwas hört, freut einen das natürlich. Ein besonderer Zauber wohnt in meinen Augen jedoch nur den folgenden vier Worten inne: „Sie haben den Job!“ Und diese besonderen, mein Herz berührenden Worte drangen an einem schicksalhaften Wochenende im November an mein Ohr. Eine blonde Fee brachte mir die frohe Kunde meiner Anstellung und versetzte mich damit   in einen extatischen Freudentaumel.

Arbeit: Check. Wohnung: Weit weg. 

Doch nun genug des romantischen Vorspiel-Gesäusels und hin zu den harten Fakten: Wie gesagt, ich hatte meine fixe Stellenzusage und die Möglichkeit, gleich im Dezember ans Werk zu gehen – nach Monaten des Herumlungerns zuhause ein wahrer Segen. Allerdings gab es zuvor noch etwas zu erledigen: das leidige Thema Wohnungssuche. In deren Zuge musste ich feststellen, dass man leichter eine Spenderniere der Blutgruppe 0 bekommt als eine günstige Bleibe in München.

Bereits Anfang Oktober hatte ich begonnen, nach einer adequaten Behausung zu suchen. Die Beschreibungen, mit denen gewisse Wohnungen bzw. WGs angepriesen wurden, erinnerten jedoch eher an Auszüge eines Kabarettprogramms als an eine Einladung, sich das Objekt anzuschauen. Da gab es zum Beispiel jemanden, der einen Mitbewohner für eine Wohnung suchte, in der die Dusche direkt neben dem Herd stand. NEBEN DEM HERD! Allein der Gedanke daran, dass irgendein fetter Kerl sich in der Dusche abschrubben könnte, während ich mir gerade das Abendessen zubereitete, verstörte mich zutiefst. Eine andere Anzeige bot ein Zimmer in einer WG an, deren Klo und Küche regelmäßig von völlig Fremden besetzt wurde. Mit vielem konnte ich mich arrangieren, aber damit, ständig irgendwelchen Nachbarsdung in meiner Schüssel zu haben – nein, nicht in diesem Leben!

Da eine Unterkunft jedoch notwendig war, verschickte ich ungeachtet der Befürchtungen, die gewisse Anzeigen in mir weckten, ein paar Dutzend Anfragen bei WG-Gesucht.de. Und wenn ich bei meinen Recherchen auf eine attraktive – und einigermaßen bezahlbare – Single-Wohnung stieß, kontaktierte ich ebenfalls sofort den Makler. Die Antwortquote war jedoch – um es freundlich auszudrücken – beschissen. Kaum jemand reagierte auf meine Anfragen. Und wenn sich mal jemand meiner erbarmte und mich zu einer Besichtigung einlud, dann musste dieser sofort wahrgenommen werden – oder gar nicht. Das wäre kein Problem gewesen – hätte sich mein damaliges Domizil nicht sechs Stunden von der bayrischen Landeshauptstadt entfernt befunden. Meine anfängliche Hoffnung, über ein Skype-Gespräch zu einem WG-Zimmer zu kommen, war längst dahin. Es gab daher nur eine Möglichkeit: Ich musste eine Woche lang nach München fahren, um mich vor Ort um zu sehen.

Satz mit X – Das wird wohl nix

Innenansicht meines Zimmers

Voll möbliert und mit Fernseher: Ich hab einen echten Glücksgriff gelandet.

„Viel Spaß, bei mir hat’s Monate gedauert!“ „Ich hab nach sechs Wochen frustriert aufgegeben.“ „Der Max sucht noch immer.“ Sätze wie diese bekam ich von meinen Kollegen zu hören, als ich fragte, wie denn wohl die Chancen stünden, in einer Woche eine gescheite Bleibe zu finden. Doch ich, ein unverbesserlicher Optimist, war fest entschlossen, binnen fünf Tagen alles unter Dach und Fach zu bringen. Schon Tage, bevor ich meine Reise antrat, begann ich mit den Vorbereitungen. Wieder schrieb ich zig Anfragen, und wieder blieben Reaktionen aus. Wieder rief ich Makler an, doch keiner schien mein Klingeln zu erhören. Als ich also an einem Montagmorgen in den Zug stieg, hatte ich gerade einmal zwei Besichtigungstermine. Einen davon hatte ich mir durch meine Beharrlichkeit selbst erstritten, der andere war als Reaktion auf meinen uralten Gesuch auf WG-Gesucht.de in mein Postfach geflattert.

Nach einer laaaaaangen Zugfahrt (man beachte die Anzahl der a’s – sie stehen für die Stunden) traf ich am Hauptbahnhof der bayrischen Hauptstadt ein. Dort sprang ich sofort in den Bus und fuhr damit nach Laim zur vereinbarten Adresse. Der Vermieter – ein grauhaariger Hanseat – machte mir die Tür auf und führte mich kurz durch die WG. Dann bat er mich, kurz Platz zu nehmen – und eröffnete ein verbales Dauerfeuer. Er berichtete mir über die sture Nachbarsgreisin, deren baldiges Ableben er sich still herbeiwünsche, damit das Haus endlich renoviert werden könne. Außerdem erzählte er mir etwas über die russische Mutter meines Mitbewohners, die ihrem Spross ein sibirisches Sauberkeitsempfinden beigebracht hätte. Dieses war – so viel konnte ich zwischen den Zeilen lesen – gleichbedeutend mit keinem Sauberkeitsempfinden. Es folgten ein Plädoyer gegen die Mülltrennung und ein Exkurs ins deutsche Versicherungsrecht, ehe wir auf das Wesentliche zu sprechen kamen: das Zimmer.

Und dieses war – entgegen meinen Erwartungen – ein Volltreffer. 18 Quadratmeter Wohnfläche, bereits voll möbliert und mit einem riesigen Flachbild-Fernseher ausgestattet. Ich hatte mich sofort in das Zimmer verliebt. Küche und Bad waren zwar eng und klein, aber die Wohnung war sauber und bot alles, was man eben so brauchte. Keine Stunde nach meinem Eintreffen in München hatte meine Suche eigentlich schon ein Ende. Ich gab meine vorbehaltliche Zusage – und bei dieser sollte es auch bleiben.

Makler: Allesamt Popöchen mit Öhrchen

Obwohl ich eine Bleibe hatte war, entschloss ich mich dazu, mich noch ein bisschen umzusehen. Zwei weitere Besichtigungstermine nahm ich wahr – und das waren rückblickend zwei zu viel. Beim ersten Termin, den ich noch am selben Abend hatte, wurde mir ein neun Quadratmeter kleines Zimmer angeboten, das unmöbliert war und nicht mal Platz für einen Schreibtisch bot. Eher wäre ich wie Harry Potter unter die Treppe gezogen, als 400 Euro pro Monat für diese Zumutung zu bezahlen. Mich ärgerte die Selbstverständlichkeit, mit der der Hauptmieter mir die teuerste Abstellkammer der Welt andrehen wollte. Deshalb beschloss ich, ihn vor meiner Absage noch ein wenig zu ärgern. Ich schlug ihm vor, mir gegen einen Aufpreis von 150 Euro doch sein hübsches, großes Wohnzimmer zu überlassen. Da verschwand auf einmal das gewinnende  Grinsen aus der Visage des Sonnyboys – eine echte Genugtuung für mich. Wir verblieben so, dass wir voneinander hören würden – und ich löschte nach dem Verlassen der Wohnung seine Nummer aus meinem Handy.

Am Mittwoch bekam ich die Gelegenheit, mir eine Single-Wohnung anzuschauen. Allerdings erinnerte diese Besichtigung von der Teilnehmerzahl her eher an den Massenstart beim New York-Marathon. An die zwanzig Personen drängten sich gleichzeitig in die Wohnung, die ich vom Zustand her als bessere Baracke einstufen würde. Die Küche war aus den 90ern und unterster Standard, und die Wasserhähne im Bad waren gut versteckt – unter einer dicken Rostschicht. Das Waschbecken war übersät mit gelblichen Flecken und die Heizkörper hätten bei diesem Anblick wohl gestöhnt – wenn sie funktioniert hätten. Als sich eine Interessentin beim Makler erkundigte, warum die Wohnung in so schlechtem Zustand sei, reagierte er darauf  mit einer Arroganz, die ihresgleichen suchte. Er machte ihr klar, dass er es bei dieser Nachfrage nicht nötig habe, sich ihr gegenüber für etwaige Mängel zu rechtfertigen – und wünschte ihr viel Glück für ihre weitere Suche. Dann teilte der Makler an alle Besichtigungsteilnehmer Info-Blätter aus, die sie noch vor dem Verlassen der Wohnung ausgefüllt zurückgeben sollten. Die meisten Interessenten schrieben, bis der Kuli glühte. Ich nicht. Da ich nicht die Absicht hatte, in dieses Loch zu ziehen, entschied ich mich dazu, das Objekt grußlos zu verlassen. Noch am selben Abend bestätigte ich schriftlich, dass ich das erste Zimmer nehme. Und zwei Wochen später zog ich mit Sack und Pack dort ein. Ende gut, alles gut. 🙂

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