Operation: Klassik-Konzert

Klassischer Musik kann ich eigentlich nicht viel abgewinnen. Dementsprechend hatte ich nie das Bedürfnis, in so ein Konzert zu gehen. Vor kurzem hab ich’s trotzdem getan – und einen erstaunlich interessanten Abend verbracht.

Ticket

Bach, Mozart, Strauss, Beethoven. Ich kenne sie alle. Zumindest ihre Namen. Würde man mich fragen, wie viele ihrer Werke ich aufzählen könne, wäre wohl nach drei oder vier Schluss. Nein, es wäre sogar ziemlich sicher nach drei oder vier Schluss. Klassische Musik ist in meinen Augen etwas für Akademiker, Schöngeister, Geschäftsleute und reiche Rentner. Ein Klischee, ich weiß, buhu! Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich mehrere Versuche unternommen habe, um meine Liebe zur Klassik zu entdecken. Diese beschränkten sich allerdings auf den Aufruf einzelner Konzertausschnitte auf YouTube, die ich meist nach zehn Minuten gelangweilt stoppte.

Das soll nicht heißen, dass ich eine Abneigung gegen Klassik habe. Ich hatte sogar mal ein paar Mozart-Werke und Märsche (auch den Zillertaler Hochzeitsmarsch, aber das ist Volksmusik) auf meinem Handy. Außer in den Momenten, in denen ich mich besonders gebildet fühlte, hab ich die aber nie abgespielt. Daher war ich selber über meine Entscheidung überrascht, mir ein Konzert des Münchener Bach-Chors anzuhören. Noch dazu an einem Freitagabend nach einer harten Arbeitswoche mit wenig Schlaf. Doch ich hab’s getan – und meine Eindrücke des Abends festgehalten.

Freitag, 17. Mai 2013. Die erste Schwierigkeit ist es, den Herkulessaal zu finden. Um 19 Uhr soll’s mit der Einführung losgehen, deswegen bin ich schon eine halbe Stunde früher am Odeonsplatz. Nur um sicher zu gehen, dass ich rechtzeitig im Saal bin. Dann, wenn die Action startet. Anstatt Anzugträger nach dem Weg zu fragen, vertraue ich auf Google Maps. So macht man das, wenn man in einer Online-Redaktion arbeitet. Nach zehn Minuten stelle ich fest: Google Maps lässt mich im Stich. Mir bleibt nichts weiter übrig, als einen älteren Herrn im Hofgarten anzusprechen. Er sagt mir, dass ich quasi direkt vor meinem Zielort stehe. Ich bedanke mich. Da hätte man angesichts der Ansammlung schick angezogener Leute auch selbst draufkommen können.

Ich gehe rein und gebe meine Tasche an der Garderobe ab, marschiere zielstrebig die imposanten Treppen hoch und bleibe vor dem Saal stehen. Die Türen sind noch geschlossen. Ich bin ohne Begleitung dort, deshalb überlege ich, ob ich einfach ein paar der wartenden Zuschauer anquatschen soll. Ich lasse es. Wer weiß, am Ende wollen die noch mit mir über Poulenc fachsimpeln. Ihm zu Ehren wird das Konzert mit dem Thema „Gloria“ abgehalten. Ich könnte in einem Gespräch über den Komponisten nur irgendwelche Random-Sätze sagen wie „Ich bevorzuge seine frühen Werke“ oder „er war ein echter Virtuose.“ Doch damit liefe ich Gefahr, mich als Kulturbanause zu outen – und so ganz ohne Not muss das ja nicht sein.

Auf diesem Plan ist eingezeichnet, wo ich wann gesessen habe. (Bild: muenchenticket.de)

Auf diesem Plan ist eingezeichnet, wo ich wann gesessen habe. (Bild: muenchenticket.de)

19:15, Einlass zur Einführung. Wir haben freie Platzwahl. Ich setze mich ganz vorne hin. Ich will ja nichts verpassen. Zwei Männer betreten die Bühne. Ein schwarz gekleideter Brillenträger und ein hagerer Senior im blauen Jackett mit einer weißen Mähne, die geformt ist wie ein Rennradhelm. Ihrem Aussehen nach zu urteilen sind sie wichtig für die Show. Die Leute klatschen. Gut geraten, die Männer sind wichtig für die Show. Der Mann in schwarz heißt Hansjörg Albrecht, ist Dirigent, Chorleiter und der Verantwortliche für das Abendprogramm. Der weißhaarige Franzose heißt Jean Guillou und ist extra für diesen Abend aus Paris angereist. Er ist ein weltbekannter Organist, der in einer Kathedrale spielt, in der er sich musikalisch so „richtig austoben kann“. Was auch immer das bedeutet. Der Grund, warum man ihn eingeladen hat, ist wohl der, dass er Poulenc 1962 – also kurz vor dessen Tod – mal getroffen hat.

Albrecht führt ein Interview mit Guillou. Sie reden über die deutsch-französische Musikbeziehung des 19. Jahrhunderts. Ich erfahre, dass Saint-Saens damals in Deutschland verhasst war, weil er Wagnerianer war, ohne wirklich einer zu sein. Saint-Saens? Ich weiß zwar nicht, wer das ist und warum sie über ihn reden, wenn es doch eigentlich um Francis Poulenc geht. Dennoch lausche ich gespannt. Albrecht spielt eines von Saint-Saens Werken und erzählt, dass der Komponist spät geheiratet und seine beiden Kinder früh verloren hat. Tragische Geschichte.

Dann erst kommt der Schwenk auf Poulenc. Ich erfahre, dass er ein „Januskopf“ war, der sich wild bei anderen Komponisten bedient hat. Es werden einige Namen genannt, von denen ich nur einen einzigen kenne: Chopin. Bei seinem Trauermarsch klingelt’s. Außerdem wird erklärt, dass Poulencs Musik von einer infantilen Religiosität geprägt sei. Ah ja. Albrecht und Guillou unterhalten sich noch zwanzig Minuten lang über den Klang von Orgeln und sprechen sich wiederholt ihre gegenseitige Wertschätzung aus. Dann ist die Einführung zu Ende.

20:00, Konzert. Orchester, Chor, Dirigent Albrecht und die weiß gekleidete Sopranistin Ruth Ziesak betreten die Bühne. Ich bin mittlerweile auf dem mir zugewiesenen Sitzplatz. Links von mir sitzen drei nette, ältere Damen. Nach dem Anfangs-Applaus für alle Mitwirkenden geht’s los. Zuerst spielt nur das Orchester, doch bereits nach Kurzem bringt sich auch der Chor ein. Von den Zuschauerrängen aus gesehen links stehen die Frauen, rechts die Herren. Albrecht dirigiert energetisch, alle folgen seiner Anleitung. Im ersten Drittel der Vorstellung vermittelt die Musik einen Eindruck von Leichtigkeit und Freude, plätschert jedoch eher gleichmäßig dahin. Es gibt immer mal wieder kleinere Höhepunkte, auf die häufig Pausen und langsame, neckische Wiedereinstiege folgen.

Das zweite Drittel ist wesentlich mitreißender und stimmgewaltiger, was bestimmt auch daran liegt, dass sich Sopranistin Ziesak nun vermehrt mit ihrem Gesang einbringt. Auch, wenn ich nicht wirklich etwas verstehe, merke ich, dass das Konzert auf Lateinisch ist. Immer wieder höre ich die Worte „Deus“, „Christus“, „Dominus“. Ich erahne das Thema des Abends: Religion. Nach einem lauten, starken Finale geht’s in die Pause. Zuvor bekommt noch jeder Mitwirkende seinen verdienten Applaus. Als die Begeisterung verebbt ist, gehe ich aus dem Saal, schalte mein Handy ein und lese kurz Sportnachrichten. Diese geballte Ladung Hochkultur ist schwere Kost, die ich erst verdauen muss.

21:40, zweiter TeilJean Guillou, der als Meister der Improvisation angekündigt wird, bekommt seinen großen Auftritt. Der ganze Saal ist dunkel, nur auf ihn ist Licht gerichtet. Er spielt ein Thema, das er vorher angeblich nicht kannte. Das bezweifle ich. So ausführlich, wie er sich mit Albrecht in der Einführung über Poulenc, dessen Leben und Wirken unterhalten hat, wird ihm dieses Werk bestimmt schon mal untergekommen sein. Aber gut, vielleicht heißt improvisieren auch nur, dass er es vorher nicht groß eingeübt hat. Knapp zehn Minuten lässt Guillou die Orgelpfeifen singen. Ich staune, wie ein Mann in diesem Alter noch über so eine flinke Augen-, Fuß- und Finger-Koordination verfügen kann. Als er fertig ist, wird er mit tosendem Applaus und einem riesigen Blumenstrauß verabschiedet.

Nun bekommt der Chor die Möglichkeit zu zeigen, was er kann. Ein Teil des Stücks wird ganz ohne instrumentale Unterstützung gesungen. Doch schon bald spielt das Orchester wieder auf und untermalt den Gesang von Sopranistin Ziesak. Das Konzert endet – wie jedes Gebet in der katholischen Kirche – mit einem „Amen“. Die Zuschauer klatschen Beifall. Ich schaue auf die Uhr. 22:30. Ich versuche herauszufinden, was ich denke. Ein Fazit fällt mir schwer. Da ich kein Klassik-Experte bin, kann ich die Darbietung nicht beurteilen. Ich weiß nur, dass sowohl der Chor als auch das Orchester mit Freude und Einsatz dabei waren. Meine Liebe zu dieser Art von Musik konnte das Konzert zwar nicht entfachen. Aber war es war eine interessante Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

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