Operation: Ekel-Essen

Mein Arbeitgeber hat die Anschrift gewechselt. Das hat mich dazu gezwungen, neue Lokale auszuprobieren. Im Zuge meiner kulinarischen Erkundungstour habe ich auch den gastronomischen Abgrund Münchens entdeckt: das Obergiasinga Hellas.

Meine Firma ist umgezogen. Quasi ans andere Ende der Stadt. Von der Pocci- in die St.-Martin-Straße. Auch, wenn die neue Adresse heiliger klingt, es mangelt ihr an etwas Wesentlichem: günstigen Restaurants oder Kantinen im näheren Umkreis. Diese unbefriedigende Situation zwingt mich und meine Kollegen dazu, uns jedes Mal zu Mittag ein neues Restaurant zu suchen, in dem wir für wenig Geld gut speisen können. Einmal hat uns der Geiz in das Obergiasinga Hellas getrieben, eine Spelunke der übelsten Sorte. Und von jener Begegnung der besonders ekligen Art möchte ich euch nun erzählen:

Wir betreten das Gasthaus – und möchten es am liebsten noch auf der Stelle wieder verlassen. Das Mobiliar ist alt und versifft, die Luft stinkt nach Qualm – und außer uns sind nur zwei argwöhnisch dreinblickende Schwergewichte drin. Neugier und gute Erziehung überlagern jedoch den natürlichen Flucht-Impuls in uns. Wie ferngesteuert bewegen wir uns auf den hintersten Tisch im Raum zu, um uns dort hinzusetzen. Wir sind über diese Entscheidung nicht weniger erstaunt als die Kellnerin. Die Mittvierzigerin, die aussieht, als habe sie eine Karriere im Rotlicht-Milieu und eine Nacht ohne Schlaf hinter sich, stakst in ihren hohen Schuhen auf uns zu. Anstatt uns die Gelegenheit zu geben, unseren Getränkewunsch zu äußern, will sie acht Bier aufschreiben.

Verständnislos nimmt sie zur Kenntnis, dass wir an einem Dienstag um 12:00 aus Pflichtbewusstsein gegenüber unserem Arbeitgeber lieber Softdrinks konsumieren als ein kühles Blondes. Wobei nicht alle so brav sind: Einer meiner Kollegen entschließt sich tatsächlich dazu, ein Helles zu bestellen. Rückblickend wäre es klug gewesen, hätten wir es ihm gleich getan. Aber gut. Während sich die einsilbige Bedienung mit der Eleganz eines Storchs zurück zu ihrem Tresen bewegt, studieren wir die Speisekarte. Es handelt sich um einen in Folie eingeschweißten Zettel, auf dem sechs Gerichte abgedruckt sind. Dabei staunen wir nicht schlecht: Im Obergiasinga Hellas werden neben Schnitzel, Souvlaki, Gyros und Currywurst auch ein doppelter Ouzo und Metaxa als vollwertige Mahlzeiten angesehen.

Haben wir uns zunächst nur entsetzt angesehen und -geschwiegen, so beginnt nun ein taktisches Streitgespräch. Sollen wir einfach schnell austrinken und woanders hin essen gehen, oder ist unser Darm stark genug für das, was da noch kommen wird? Der Hunger schlägt die Vernunft nach Stimmen mit 5:3. Wir bleiben und entscheiden uns für ein niedrigpreisiges Fleischgericht und gegen den hochprozentigen Snack. Es ist die dritte falsche Entscheidung innerhalb weniger Minuten.

Die Kellnerin kommt mit unseren Getränken zurück. Zumindest 6 von uns haben das bekommen, was sie bestellt haben. Zwei von uns jedoch – mich eingeschlossen – wundern sich beim Nippen am Glas jedoch etwas. Beim Ausschenken der Apfelschorle hat die Dame offenbar versehentlich zur Almdudler-Flasche gegriffen. Kann ja mal passieren, fängt schließlich beides mit „A“ an. Ich überlege, ob ich mich beschweren soll. Doch sich zu den zwei argwöhnisch dreinblickenden Pfundskerlen neben der Eingangstür mittlerweile drei geworden sind, unterlasse ich es lieber. Stattdessen weisen wir sie freundlich darauf hin, dass wir auch gerne etwas essen möchten, als sie nach dem kommentarlosen Abstellen der Getränke schnell das Weite suchen möchte. Ihr Gesichtsausdruck verrät, dass sie das bereits befürchtet hat. Doch sie fügt sich tapfer ihrem Schicksal – und schreibt unsere Essenswünsche auf.

Zu allem Überfluss kommen plötzlich auch mein Vorgesetzter und dessen Chef in dasselbe Lokal. Unsere offensichtlichen Warnungen – sowohl verbal als auch durch wildes Gestikulieren – werden ignoriert. Sie setzen sich an den Tisch, der vor den fetten Gaffer steht – und lenken damit deren skeptische Blicke auf sich. So hat ihre Anwesenheit doch etwas Gutes. Schneller als erwartet kommt unser Essen – und das entspricht in etwa dem, was wir erwartet haben. Appetitlich sehen die aufgetischten Gerichte weiß Gott nicht aus. Das Schnitzel erinnert sowohl optisch als auch geschmacklich an ein paniertes Stück Reifen – und meine Currywurst ist eine ordinäre Käsekrainer ohne Sauce. Da ich der einzige bin, der eine trockene Angelegenheit vor sich auf dem Teller liegen hat, fordern wir die Herausgabe der Ketchup-Flasche. Diese wird uns auch ausgehändigt – allerdings recht widerwillig.

Nachdem wir unsere Käsekrainer mit Ketchup aus der Flasche in die hässliche Schwester einer Currywurst verwandelt haben, bestreuen wir unsere Pommes noch schnell mit Salz. Dieses befindet sich – wie sollte es auch anders sein – im Pfefferstreuer. Es folgt der riskanteste Schritt: der Verzehr. Obwohl das Essen nicht verdächtig schmeckt, trauen wir ihm dennoch nicht so ganz. Egal. Spätestens in ein paar Stunden wissen wir, ob wir unserem Magen zu viel zugemutet haben. Glücklicherweise lenkt uns die Musik von den Gedanken an die drohende Diarrhö ab. Kopfschüttelnd lauschen wir einem Remix von Modern Talkings „Cherry Cherry Lady“, das von einer Asiatin aus dem Radio gestöhnt wird.

Der einzige Lichtblick an diesem Tag ist die Rechnung. Zum einen ist diese erfreulich niedrig – was angesichts des liebevollen Services und der Qualität des Essens kein Wunder ist. Zum anderen befreit es uns aus dem Dunstkreis der qualmenden Gaffer, die sich vom allgemeine Rauchverbot in bayrischen Gaststätten offenbar nicht beeindrucken lassen. Ich verlasse die Spelunke und hole tief Luft. Auf dem Rückweg zur Firma rumort mein Bauch ein wenig. Doch bleibt die Erinnerung an den Besuch des „Obergiasinga Hellas“ zum Glück der einzig üble Nachgeschmack an diesem Tag.

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